Finanzielle Freiheit

Wege in die finanzielle Freiheit. Freaky finance, der Kick für mehr Spaß, deine Finanzen endlich selbst in die Hand zu nehmen! Selbstständiger Vermögensaufbau mit dem Ziel der finanziellen Freiheit.

Titelbild: pixabay.com ©Free-Photos  (CC0 Creative Commons; bearbeitet von V.  Willkomm)

"Es wird der Tag kommen, an dem ich nicht mehr hingehe!"

 

 

Artikel in der WELT Printausgabe vom 22.11.2018

Eine etwas ausführlichere Version erschien in der Online-Ausgabe. (Quelle)

Geschrieben von Cornelia Hendrich.

 

Drei Wege in die finanzielle Freiheit

Für viele ist es ein Traum: So viel Geld auf dem Konto, dass man aufhören kann zu arbeiten und stattdessen reist, Hobbys nachgeht, sich um die Kinder kümmert. Drei Menschen verraten, wie sie das vor ihrem 50. Geburtstag geschafft haben.

 

 

Wenn der 42-jährige Vincent Willkomm, Vater einer erwachsenen Tochter, seine Monatseinnahmen neben seinem Job auflistet, kommt einiges zusammen: 3000 Euro Mieteinnahmen, 500 Euro Dividenden, 560 Euro Zinsen aus P2P-Krediten, 200 Euro Optionsprämien, 900 Euro durch seinen Blog und 600 Euro durch ein paar Kleinigkeiten. Insgesamt fließen so 4000 bis 5000 Euro jeden Monat auf sein Konto - wohlgemerkt neben seiner eigentlichen Angestelltenarbeit. Finanzielle Sorgen muss er sich nicht mehr machen.

 

Willkomm ist da, wo viele noch hinwollen. Immer mehr Blogs, Bücher und Podcasts sind zu dem Thema finanzielle Freiheit und finanzielle Unabhängigkeit in den letzten Jahren erschienen. Sie rechnen vor: So schwer ist der Weg nicht. Bei einem Startkapital von 5000 Euro, einer monatlichen Sparrate von 600 Euro und der optimistischen Annahme von zehn Prozent Rendite (der MSCI World hatte in den vergangenen fünf Jahren rund zehn Prozent) hätte man nach 19 Jahren 350.000 Euro nach Abzug der Steuer auf dem Konto und bestenfalls ein monatliches Einkommen von rund 2000 Euro. Auch wenn durch die Inflation diese 2000 Euro weit weniger wert wären als heute, eine attraktive Summe.

 

Für Deutschland zeigen die Zahlen: Im Schnitt besitzt jeder Deutsche 60.400 Euro. Dabei gilt: je älter, umso vermögender. Die 25- bis 34-Jährigen kommen auf 21.500 Euro, bei den 45- bis 54-Jährigen sind es schon 110.000 Euro. Zwei Jahre kann ein deutscher Haushalt durchschnittlich ohne jegliches Einkommen von seinen Ersparnissen leben. Doch der Durchschnitt verdeckt die großen Unterschiede. Von der finanziellen Freiheit können viele nur träumen. 27 Prozent der Menschen, rund ein Drittel aller Deutschen, verfügt zum Beispiel über keinerlei Rücklagen.

 

Sparen, anlegen und nach einigen Jahren ist das Konto gut gefüllt – das klingt also offenbar leichter als es ist. Drei Menschen erzählen, wie ihnen die finanzielle Freiheit gelungen ist, in welche Anlagen sie investierten und welche teuren Fehler sie gemacht haben.

 

Lars Hattwig - Aktien und Sparen

 

Das Leben von Lars Hattwig änderte sich an einem Abend am Geldautomaten in Berlin-Zehlendorf. 50 Euro wollte er abheben. Doch er bekam sie nicht. Zu tief stand der angestellte Meteorologe in den Schulden. „Ich ging danach durch die Straßen und bildete mir ein, alle Leute wissen, wie es um mich steht. Da war ein großes Schamgefühl“, sagt der heute 47-Jährige.

 

Dabei verdiente er damals, er war 31, nicht schlecht: 2000 Euro netto. Große Luxusausgaben wie ein teures Auto leistete er sich nicht und seine Miete war mit 400 Euro preiswert. Doch er achtete nicht besonders auf seine Ausgaben, kaufte sich unterwegs oft etwas zu essen, ging mit Freunden feiern. Am Monatsende war das Geld stets weg. Schlimmer noch, er rutschte immer wieder in den Dispo. „Ich habe mir gar keine Gedanken darüber gemacht. Denn mit dem neuen Gehalt wurde er ja immer wieder ausgeglichen.“ Doch irgendwann nicht mehr und dann standen da plötzlich 5000 Euro Minus.

 

Nach diesem Abend am Geldautomaten beschloss er, sein Leben zu ändern. Zu sparen, Ausgaben zu senken. Es wurde ein langer Weg. Zwei Jahre benötigte er, um von den Schulden wieder ins Plus zu kommen. Doch dann füllte sich sein Konto wieder, und daran fand er Gefallen. So sehr, dass er immer exzessiver sparte. Irgendwann 70 Prozent seines Einkommens. Jeder nicht ausgegebene Euro begeisterte ihn. Er schaffte sein Auto ab, hörte mit dem Rauchen auf. Der Berliner kündigte alle Abos, kaufte nur noch das billigste Brot. Das Licht in der Wohnung blieb aus. „Höchstens eine abgedimmte Lampe brannte“, erzählt er.

 

Abgesehen von Fixkosten wie der Miete lebte er von nur 200 Euro im Monat, der Rest ging aufs Konto. Auch Schichtzulagen oder Bonuszahlungen. So kam er nach drei weiteren Jahren auf einen Kontostand von 50.000 Euro.

 

Doch was er erst nicht bemerkte, diese Sparwut bekam ihm nicht: Beim Einkauf im Supermarkt, wenn er immer nach dem Billigsten griff, sich bückte nach der preiswertesten Wurst, dem billigen Käse, fühlte er sich arm, erzählt er. „Da war so viel negative Energie um mich. Das habe ich richtig gespürt.“ Das Konto war gefüllt, aber er war weit entfernt davon, glücklich zu sein. „Das ganz übertriebene Sparen habe ich deshalb nur ein Jahr lang durchgezogen.“ Danach legte er immer noch viel zurück, aber nicht mehr so rigide.

 

Mit dem Platzen der Dotcom-Blase kam für ihn die große Chance. Sein Aktien-Depot rutschte zwar auf 35.000 Euro, doch er sah die Möglichkeiten und kaufte im großen Stil die jetzt billigen Aktien. Was im Nachhinein logisch klingt, dazu gehörte damals bei immer neuen Horrornachrichten viel Mut. Für Lars Hattwig zahlte er sich aus. Durch seine hohe Sparquote, erfolgreiche Spekulationen in Rohstoffe und die nach oben schnellenden Aktienkurse pendelte sein Depot vier Jahre später zwischen 300.000 und 400.000 Euro.

 

Somit konnte er, zehn Jahre nach seinem Erlebnis am Geldautomaten, mit 40 Jahren aufhören zu arbeiten, so wie es sein Ziel gewesen war, und von den monatlich mehr als 1000 Euro Dividenden leben. Nach seiner Kündigung ruhte er sich aus, reiste durch Deutschland, unternahm Fahrradtouren.

 

Eigentlich der Traum vom ewigen Urlaub? „So sehen das nur Leute, die gestresst sind“, sagt der 47-Jährige, der keine Kinder hat, jedoch abwehrend. Nach vier Monaten wurde ihm schon langweilig. Er wohnte weiter in seiner preiswerten Wohnung, Fernreisen interessierten ihn nicht. Der Berliner sah für sich die Gefahr zu verlottern, wie er sagt. „Ich bin morgens einfach nicht mehr begeistert aufgestanden.“ Ihm fehlten soziale Kontakte und ein Ziel im Leben.

 

Er begann deshalb, seine Geschichte in einem Blog zu erzählen. Zudem besuchte er Seminare über Persönlichkeitsbildung. Mehrere Tausend Euro im Jahr gibt er heute dafür aus. So kommt er auch mit Menschen zusammen. Noch einmal einer geregelten Arbeit nachzugehen, kann er sich aber nicht mehr vorstellen. Wenn man ihn fragt, welche Fehler er gemacht hat, so sagt er, er habe von Anfang an nicht groß genug gedacht. „Ich hätte das alles schon viel früher haben können, ich konnte es mir nur nicht vorstellen. Heute glaube ich, selbst wenn man mir alles wegnehmen würde, könnte ich es in kurzer Zeit wieder aufbauen.“

 

Albert Warnecke - ETFs und Planen

Mit so viel Ehrgeiz beim Sparen kann Albert Warnecke nichts anfangen. Der heute 52-Jährige ist Vater von drei Kindern und hat es ebenfalls geschafft, so viel Geld anzusammeln, dass er mit 45 Jahren seinen Job aufgeben konnte. Der Ingenieur hatte unter anderem Yahoo Deutschland mit aufgebaut. „Mir war aber schon immer klar, so ein Nine-to-five-Job ist nichts für mich“, sagt er. Er wollte unabhängig von Menschen sein, die ihm nicht zusagten. Warnecke hatte das Glück, gut zu verdienen und sich ein ansehnliches Polster aufbauen zu können.

 

Wenn Warnecke, ein bodenständiger Typ, erzählt, klingt alles sehr leicht. Ein wenig sparen, keine unnützen Ausgaben, das Geld anlegen und möglichst nicht mehr hinschauen, dann wird das schon mit dem Vermögensaufbau. Freunde und Familie seien doch viel wichtiger als der Kontostand.

 

Er hatte vor Jahren begonnen, in einem Haushaltsbuch alle Ausgaben aufzulisten. Wo sich etwas einsparen ließ, wurde sich eingeschränkt, möglichst ohne Anstrengung. „In der Liste sehe ich vor allem, wenn in einem Bereich plötzlich zu viel ausgegeben wird“, sagt er. „Lebensstil-Inflation“ nennt er das, was er verhindern möchte. „Erst geht man nur ein paar Mal aus Bequemlichkeit zum Bäcker für das Frühstück und irgendwann jeden Tag.“ Da seien dann täglich schnell fünf Euro für Kaffee und Brötchen ausgegeben, rechnet er vor.

 

Auch bei Kleidung achtet er auf Budgets, die nicht allzu starr sind, aber möglichst nicht immer weiter ansteigen. „Wichtig ist mir, dass das Ergebnis unterm Strich stimmt und im Jahr immer mehr reinkommt als ausgegeben wird.“ Die Tendenz sollte nach oben gehen. Das Familienauto ist elf Jahre alt. Sparen gehe auch mit drei Kindern im Haus, sagt er.

 

„Zum Leben brauche ich nicht viel, gib mir ein gutes Craft Beer und nette Kumpel und ich bin glücklich“, sagt er. Reisen? „Intensive Reisen sind etwas für Versager“, sagt er. Man müsse sich den Alltag schön machen, das seien doch 80 Prozent des Lebens. „Dann braucht man die 20 Prozent Urlaub gar nicht mehr.“ Er sitzt lieber regelmäßig mit Freunden zusammen und grillt.

 

Gespartes Geld wird von ihm nur in ETFs angelegt, also in preiswerte Indexfonds, die einen breiten Markt abdecken. Seit er mit 45 Jahren aufgehört hat zu arbeiten, ist er Hausmann. Bereut hat er es nicht. „Man darf natürlich kein Problem damit haben, nicht der klassische Familienernährer zu sein“, sagt er. Seine Frau geht noch arbeiten. „Weil sie es gern möchte“, betont Warnecke, der sich in den letzten Jahren um die Kinder und seinen bekannten Blog kümmerte. Dort plädiert er dafür, teure, aktiv gemanagte Investmentfonds loszuwerden, niemals Schulden zu machen, eine Scheidung zu vermeiden und seine Arbeitskraft, die das größte Kapital sei, zu erhalten.

 

Sein Rat ist einfach: Zu Wohlstand komme man durch Intelligenz, einen guten Verdienst, Sparsamkeit, eine rentierliche Geldanlage, am besten ETFs, und Geduld. Auch bei drei Kindern, die alle studieren wollen? Ja, sagt Warnecke. „Das kommt doch nicht überraschend, das kann man einplanen.“

 

Vincent Willkomm - Immobilien und viel Arbeit

Mit Immobilien und harter Arbeit machte Vincent Willkomm sein Geld. Für ihn war schon mit 20 Jahren klar – er wollte mit 30 finanziell unabhängig sein. In dieser kurzen Zeit schaffte er es nicht, es gelang ihm aber mit 40 Jahren. Da hatte der heute 42-Jährige ein siebenstelliges Konto, also mit mehr als eine Million Euro. Seine monatlichen Einnahmen aus diversen Anlagen bringen ihm derzeit jeden Monat rund 4000 Euro vor Steuern ein. Geld, von dem man gut leben kann. Und deshalb legte er auch gerade für vier Monate seinen Job komplett nieder. In dieser Zeit reiste er durch Deutschland, besuchte Familie und Freunde.

 

Dass er einmal etwas mit Immobilien zu tun haben würde, konnte er sich als 20-Jähriger nicht vorstellen. Los ging alles mit einem Zufall. Ein Onkel wollte eine kleine Wohnung verkaufen und fragte ihn. Auch wenn die 50-Quadratmeter-Wohnung, für die er 80.000 Euro zahlte, in Hamburg liegt, reich wurde er allein dadurch nicht.

 

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Willkomm ist Luftfahrttechniker. Er arbeitete bei einem großen Konzern in Hamburg, der Aufstiegschancen bot. „Ich habe mir dort regelrecht die Arbeit gesucht. Viele Überstunden gemacht. Gearbeitet, wenn keiner es wollte: nachts, am Wochenende, an Feiertagen. Dann gab es mehr Geld.“ Außerdem habe er immer Einsatz gezeigt, sei in Abteilungen gegangen, in denen es „brannte“, also Leute gebraucht wurden. Arbeitete sechs Tage in der Woche. Nebenbei schloss er, um aufsteigen zu können, ein Studium ab. Als ihm ein lukrativer Auslandseinsatz für die Firma angeboten wurde, sagte er sofort zu. Mehrere Monate ging er nach Frankreich.

 

Weil er nur noch arbeitete, sah er seine Familie kaum. Dann, wenn sie zuhause waren, an Wochenenden, an Feiertagen, war der Vater einer heute erwachsenen Tochter meist in der Firma. Oder er war müde von den vielen Überstunden, oder er war im Ausland. „Ich habe damals sehr viel Lebenszeit gegen Geld getauscht, da muss man sich nichts vormachen“, sagt er.

 

Er verdiente mehr und mehr, zuletzt durch die Zulagen sechsstellig im Jahr. Er sparte viel, rund 50 Prozent, was schnell ein paar Tausend Euro jeden Monat bedeutete. „Ich muss zugeben, früher war ich regelrecht geizig“, sagt er. Eine Pfandflasche hebt er noch heute trotz seines Kontostandes jederzeit von der Straße auf. „Auch wenn meine Freunde darüber lachen.“

 

Willkomm suchte überall nach Möglichkeiten, Geld zusätzlich zu verdienen. Und fand sie. In Frankreich mietete er eine Villa und bot die Zimmer seinen Arbeitskollegen auf Auslandseinsatz zur Untermiete an. Er vermietete ebenfalls den großen Transporter, den er sich eigentlich nur für den Umzug gekauft hatte. „Das hat mich total überrascht, es war mehr ein Spaß. Und dann war er ständig ausgebucht“, erzählt Willkomm. Noch heute, Jahre später, vermietet er den Wagen und nimmt damit monatlich ein paar Hundert Euro ein.

 

Der Hamburger erwarb weitere Wohnungen, sieben sind es inzwischen. „Mein Konzept ist eher, Immobilien in nicht so guten Lagen zu kaufen. Aber da hat man aber natürlich auch die Mieter, mit denen es nicht immer einfach ist.“ Sein Vermögen wuchs stetig. Doch so gradlinig, wie es klingt, war der Weg dorthin keinesfalls. So investierte er 2008 in geschlossene Immobilien- und Schiffsfonds, das war damals modern, auch zum Steuern sparen. Einige der Fonds stellten sich als betrügerisches Schneeballsystem heraus, einige waren nur unerfolgreich und bescherten ihm ein Minus, insgesamt verlor er 200.000 Euro. Für ihn ein schmerzhafter Verlust, inzwischen kann er darüber lachen: „Das war der Grund, warum es mit 30 mit der finanziellen Freiheit noch nicht geklappt hat.“

 

Auch Mieteinnahmen seien kein Selbstläufer, betont er. Ein Mieter wurde psychisch krank und bezahlte einfach nicht mehr, in einem anderen Fall musste er viele Monate darauf warten, dass ein Nachlassverwalter seine Arbeit abschloss.

 

Auch durch die schlechten Erfahrungen mit geschlossenen Beteiligungen achtet er heute darauf, sein Geld breit gestreut zu investieren. „Mit passivem Einkommen haben die Nebeneinnahmen allerdings nichts zu tun“, sagt er. Aktienkurse checken, P2P-Kredite justieren, Optionen auf Aktien verkaufen und beobachten. Seine Wohnungen verwaltet er lieber selbst, mit Dienstleistern hat er schlechte Erfahrungen gemacht. Welcher Handwerker zu welchem Preis in die Wohnung geschickt wird, möchte er selbst bestimmen. Seine Projekte benötigen Zeit. Geschenkt habe ihm keiner etwas, sagt er. „Das ist mir wichtig zu sagen. Ich habe immer sehr hart gearbeitet. Das ist eine Menge Lebenszeit, die ich da investiert habe. Ein Depot von 600.000 Euro kommt nicht von allein. Und jeder sollte auch sehen, dass ich in Arbeit war, seit ich 16 bin und nicht erst mit 28, wie viele nach dem Studium.“

 

Seine finanzielle Freiheit nutzte er schon vor seiner Auszeit dazu, nur noch drei Tage in der Woche zu arbeiten. Mehr Zeit für Freunde, Familie, aber auch für seine Investments. Langweilig wurde dem 42-Jährigen auch während seiner vier Monate Auszeit nicht. Er entschied sich trotzdem dafür, wieder in den Job zurückzukehren. Eben auch, weil er sparsam ist. „Die Krankenkasse ist als Privatier nicht billig, außerdem muss man auch an seine Rente denken. Und mir macht der Job eigentlich Spaß.“

 

Luxushobby der Besserverdienenden?

Irgendwann in der fernen Zukunft von dem Ersparten gut zu leben, dieses Konzept hat auch viele Kritiker. Die einen bemängeln, dass es nicht Lebensqualität ist, jahrelang wie ein Hartz-IV-Empfänger zu leben, um irgendwann ein gefülltes Konto zu haben. Ist es noch Lebensqualität, so fragen sie, um des Sparen willens in einer winzigen Wohnung an einer lauten Hauptverkehrsstraße zu leben?

 

Andere sprechen von einem Luxushobby der Besserverdienenden, denn für die meisten Menschen, die als Kraftfahrer, Friseure oder Handwerker arbeiten, dürften monatliche Sparraten von 700 oder 1000 Euro illusorisch sein. Auffallend ist zumindest, dass sich in den Blogs und Facebookgruppen zu diesem Thema vor allem gut verdienende Ingenieure, ITler oder Maschinenbauer tummeln.

 

Vermögensberater und ETF-Fan Gerd Kommer nennt die Idee von der finanziellen Freiheit gar „kindisch“. Einige Bücher zu dem Thema, die etwa in sieben Jahren die Million versprechen, würden ihn an Satire erinnern. Propagiert werde ein Brachialsparen, das die Lebensqualität massiv senke, doch Entbehrung und Geiz seien keine Unabhängigkeit. Geworben werde zudem mit Investmentrenditen, die nicht erreicht werden können. Ein passives Einkommen, also Einkünfte ohne eigene Arbeit, gebe es zudem nicht, es sei denn, man besitze schon sehr viel Geld.

 

Ein weiterer Einwand: Gerade die Extremsparer würden mit ihrem Konsumverzicht gegen die Interessen der Firmen handeln, von deren Dividenden sie einmal leben wollten. Studien zeigen zudem, dass Menschen ohne Arbeit unglücklicher sind. Unklar ist dabei allerdings, ob dies auch für selbstgewählte Arbeitslosigkeit gilt.

 

Alle drei, Lars Hattwig, Albert Warnecke und Vincent Willkomm, würden einwenden, dass sie nicht zu sparsam gewesen seien. Ihre Renditen reichten auch ganz offensichtlich aus, um sie wohlhabend zu machen.

 

Willkomm arbeitet seit einem Monat wieder, wenn auch nur 28 Stunden pro Woche. Nach den Monaten der völligen Freiheit engt ihn die Arbeit ein, sieht er noch mehr die negativen Seiten: „Schon allein die Zeit, die für die Fahrt zur Arbeit jeden Tag verschwendet wird, ärgert mich.“ Seine Familie, sein Blog, seine Aktien, seine Hobbys – für all dies wünscht er sich noch mehr Zeit. Deshalb ist für ihn klar: „Es wird der Tag kommen, an dem ich nicht mehr hingehe.“